Toleranz steht für Respekt, Offenheit und ein friedliches Zusammenleben. Doch was passiert, wenn Toleranz falsch verstanden wird? Wenn wir aus Angst anzuecken oder als intolerant zu gelten, plötzlich aufhören, unsere eigenen Werte zu verteidigen?
Wenn ein Kindergarten ein Kinderbuch ablehnt, weil ein Schwein darin eine positive Rolle spielt und muslimische Kinder dadurch möglicherweise irritiert werden könnten, stellt sich für mich die Frage, ob hier Rücksichtnahme in eine Form von falsch verstandener Toleranz umschlägt.
Und genau hier beginnt die entscheidende Frage: Wann wird aus Toleranz Anpassungsdruck? Wann wird aus dem berechtigten Wunsch nach gegenseitigem Respekt eine Erwartung, bestimmte Denkweisen übernehmen und andere ablegen zu müssen?
Vielleicht beginnt gesellschaftliche Umerziehung nicht immer mit Verboten oder offenem Zwang. Vielleicht beginnt sie viel leiser: Mit der Angst, etwas Falsche zu sagen, zu essen, mit dem Rückzug und mit der Gewöhnung daran, bestimmte Fragen nicht mehr zu stellen, bis hin zur Ausgrenzung.
Mein Kinderbuch vom roten Traktor, der ans blaue Meer wollte, wurde von einer Berliner Kita, wegen dem positiv dargestellten „Schwein Susi“ im Buch, an mich zurück gesendet.
Ja, was ist das? Eine vorauseilende Anpassung? Genannt wurde eine „mögliche Irritation gegenüber muslimischen Kindern“!
Für mich zeigt sich hier, eine falsch verstandene Toleranz!
Eine Gesellschaft lebt von Vielfalt – aber sie lebt ebenso von gemeinsamen Regeln, Werten und Grenzen. Toleranz bedeutet nicht, alles widerspruchslos hinzunehmen. Sie bedeutet auch nicht, jede Haltung, jede Forderung und jedes Verhalten zu akzeptieren und sich anzupassen. Denn dort, wo Toleranz keine Grenzen mehr kennt, kann sie sich gegen sich selbst richten.
Wer aus falsch verstandener Rücksichtnahme oder aus Angst sich ständig anpasst, um nicht anzuecken, läuft Gefahr, seine eigene Haltung Stück für Stück aufzugeben. Und genau hier beginnt die entscheidende Frage: Wann wird aus Toleranz Anpassungsdruck? Wann wird aus dem berechtigten Wunsch nach gegenseitigem Respekt eine Erwartung, bestimmte Denkweisen übernehmen und andere ablegen zu müssen?
Vielleicht liegt eine der größten Gefahren unserer Zeit nicht in einem Mangel an Toleranz, sondern in einem Verständnis von Toleranz, das seine eigenen Voraussetzungen aus den Augen verloren hat.
Wahre Toleranz verlangt keine Selbstaufgabe. Sie verlangt Haltung. Sie verlangt, dem anderen seine Freiheit zuzugestehen und zugleich die eigene Freiheit zu bewahren.
Denn der Kindergarten hat nicht entschieden, dass mein Buch nicht in sein pädagogisches Konzept passt, sondern ausdrücklich die Sorge angeführt, dass ein positiv dargestelltes Schwein muslimische Kinder verwirren könnte.
Ich finde, genau darin liegt ein spannender Widerspruch, über den es sich lohnt, nachzudenken. Denn nicht die muslimischen Kinder oder ihr Glauben sind das Problem, sondern die pädagogische Entscheidung, die aus einer vermuteten Irritation gezogen wurde.
Hier beginnt das eigentliche Dilemma. Denn grenzenlose Toleranz kann ebenso gefährlich werden wie übertriebene Intoleranz. Zwischen diesen beiden Gefahren liegt ein schmaler Weg: die Fähigkeit, Menschen zu respektieren, ohne jede ihrer Überzeugungen übernehmen zu müssen. Denn vielleicht beginnt die schleichende Veränderung einer Gesellschaft genau dort, wo Menschen nicht mehr aus eigener Überzeugung handeln, sondern aus Angst davor, was geschieht, wenn sie es nicht tun. Wo sie ihre Sprache und ihre Essgewohnheiten vorsorglich anpassen, Zweifel für sich behalten und bestimmte Fragen nicht mehr stellen, weil sie befürchten, dafür moralisch verurteilt zu werden.
Eine solche Entwicklung kann aus gesellschaftlichem Druck, aus gut gemeinten Absichten oder aus dem verständlichen Wunsch entstehen, Konflikte zu vermeiden. Doch unabhängig von ihren Ursachen bleibt eine entscheidende Frage: Wie frei ist ein Mensch noch, wenn er zwar denken darf, was er will, sich aber nicht mehr traut, es auszusprechen?
Ein Kinderbuch, in dem ein Schwein eine positive Rolle spielt, zwingt niemanden dazu, Schweinefleisch zu essen oder religiöse Überzeugungen aufzugeben. Eine positive literarische Figur ist nicht dasselbe wie eine religiöse Aussage. Deshalb ist es problematisch, wenn allein die vermutete religiöse Empfindlichkeit einer Gruppe dazu führt, dass ein Buch ausgeschlossen wird.
Und vielleicht ist die wichtigste Aufgabe einer freien Gesellschaft nicht, jeden Konflikt zu vermeiden, sondern eine Kultur zu bewahren, in der wir einander widersprechen können, ohne einander die Freiheit abzusprechen.
Denn Toleranz, die keinen Widerspruch mehr duldet, hat aufgehört, Toleranz zu sein. Sie ist dann zu einer Forderung geworden, der sich alle unterwerfen sollen. Falsch verstandene Toleranz beginnt dort, wo wir nicht mehr versuchen, Unterschiede verständlich zu machen, sondern anfangen, sie vorsorglich aus dem Weg zu räumen.
Aus dem Wunsch, niemanden vor den Kopf zu stoßen, kann eine Einschränkung entstehen, die gerade das verhindert, was Toleranz eigentlich ermöglichen soll – eine Begegnung ohne Vorurteile!


