Glück

Zum Jahreswechsel : Ein halbvolles Glas

Das Jahr neigt sich zu Ende und am letzten Tag des Jahres geht der Blick zurück. Da steht sie im Raum, die Frage: Habe ich erfüllt, was ich mir vorgenommen hatte? Waren die Ansprüche zu groß, die ich mir am ersten Tag des Jahres an die kommenden12 Monate stellte?

In den ruhigen Minuten, in denen ich mir die letzten Tage diese Frage stellte, ging mein Blick zurück und die bekannte Geschichte vom Optimisten und Pessimisten fiel mir ein. „Mein Glas auf dem Tisch“ sagt der Pessimist, ist halbleer. Der Optimist sagt hingegen: „Mein Glas ist halbvoll!“

Mit diesem Gedankenspiel ging ich zurück bis an den Anfang dieses Jahres und dachte nach, ob es richtig ist, bei dieser Jahres-Inventur, die negativen Ereignisse von diesem Jahr als Maßstab zu nehmen?

Da waren doch die unzähligen Kleinigkeiten, die aneinandergereiht es mir ermöglichten, zu lachen, mich zu freuen, das Leben zu spüren. Erfolgreich zu sein, im täglichen Tun! Immer wieder ist es mir gelungen, trotz Widrigkeiten am Abend zufrieden einzuschlafen. Es lag wohl daran, dass ich nicht zugelassen habe, dass das Negative mich bis ins Bett begleiten durfte. Es kam auf den Tisch, wurde von mir nicht verdrängt. Habe es angeschaut und in die Schublade gelegt, auf der „Erledigen“steht.

In vielen Lebenssituationen wurde ich von meiner Leserschaft gefragt :“Wie halten sie das aus?“ Aufgrund meiner grundsätzlichen inneren Einstellung zum Leben, zu meiner Arbeit, zu Menschen, zu Situationen, ist mir diese Frage fremd. Immerhin habe ich selbst diese Wege gewählt, die ich beruflich und privat gegangen bin und weiter gehe. Nun, wahrscheinlich zählen für mich diese Kleinigkeiten, die der Alltag für mich bereit hält, einfach mehr!

Zum Ende dieses Jahres, denke ich nun an das halbvolle und das halbleere Glas auf dem Tisch von 2025. Und ich beginne zu überlegen, weshalb ich so manch schräge Lebenssituation stemmen konnte und mir auch bewusst ist, dass ich es auch weiter kann!

Es liegt wohl daran, dass im privaten Bereich für mich der Platz ist, der mir Kraft gibt, Mut und Ausdauer, unbändiges Glück und Zufriedenheit. Ohne meinen Mann ging vieles nicht. Seine Ruhe, seine Liebe, seine Kraft, seine absolute Verlässlichkeit, sein Weitblick und seine Kreativität sind seit 38 Jahren der Belag auf der Autobahn unseres gemeinsamen Lebens.

Und da sind die schönen Erlebnisse, die zu oft durch den Blick auf das halbvolle Glas, gar nicht mehr wahrgenommen werden. Doch wer es versteht, sie zu registrieren, wird dabei auch sein Denken verändern.

Bei mir sind es Glücksmomente durch Zufälle, Begegnungen, die ich oft als Fügung des Schicksal wahrnehme und die mich immer wieder faszinieren und mich begeistern. Mich erfreuen und auf das halbvolle Glas blicken lassen.

Da ist jedoch auch das halbleere Glas, dass mir von Außenstehenden oft hingestellt wird. In dem Listen mit Warnungen sind. Auch Kopfschütteln über meine Spontanität, meine Risikobereitschaft, meinen Mut mich einzumischen, und das Unverständnis, dass mir kein Umweg zu lang ist um ans Ziel zu kommen.

Ich schiebe es nicht weg, dieses halbleere Glas, dass mir von Dritten hingestellt wird. Sondern höre in mich hinein. Denk dabei an meinen Bauch, mein erster und bester Berater. Auf ihn ist Verlass. Es sind die Erfahrungen aus den Jahrzehnten meines Lebens: Bauchgefühl verdrängt, Chancen verschenkt!

Zum Ende dieses Jahres ein großes Danke an Sie, Dich, an Euch die wir uns im Jahr 2025 begegnet sind. Sei es über meine Bücher und Publikationen, im Gespräch, bei unseren Treffen im Künstlerhaus, bei meinen Vorträgen und Lesungen….oder ganz einfach irgendwo und wir uns von Mensch zu Mensch wahrgenommen haben.

Starten wir in das neue Jahr 2026! Im Gepäck Optimismus, den Willen und den Mut immer das halbvolle Glas im Blick zu haben.

Herzliche Grüße von Haus zu Haus

Renate Hartwig

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Unvergessener 24. Dezember

Es roch nach Weihnachten. Mutter hatte die letzten beiden Tage durchgehend gebacken. Ich durfte die Ausstecherle dekorieren. Dabei hatte ich im Kopf Geschichten. Jedes einzelne Plätzle bekam über bunte Kügelchen Buchstaben.

Ich war 8 Jahre alt. Nebenbei ich dekorierte, erzählte ich meiner Mutter, welche Buchstaben ich mit den Kügelchen auf die Plätzle schrieb. Deshalb bekam ich von ihr eine extra Dose für meine Ausstecherle.

Mein Wunsch war, ein kleiner Schrank mit vielen Schubladen. Der Grund: Ich malte ausschließlich Buchstaben, schnitt sie aus und sammelte sie in kleinen leeren Käse – Schachteln. Die holte ich mir aus der Küche unseres Gasthofes, in dem ich geboren und aufgewachsen bin.

An diesem Advent war jedoch alles anders. Mein Vater war schwer erkrankt. Seit Wochen war deshalb der Gasthof geschlossen. Das Ersparte schwand dahin, wie Schnee in der Sonne. Mutter war eine tiefgläubige Frau. Ihr Spruch begleitet mich bis heute durch das Leben:

Der liebe Gott packt für jeden, der auf die Welt kommt, einen Lebensrucksack. Und wenn dieser zu schwer wird, hilft er beim Tragen!

Mit dieser Grundhaltung hat sie jede schwere Zeit überstanden. So auch die damalige Situation der Armut, bedingt durch Vaters Krankheit. Schweren Herzens nahm sie das Angebot an, mich mit Klosterschwester Felicitas, zu der besonderen Weihnachtsfeier der Kirche gehen zu lassen. Dort wurden ärmere Kinder beschenkt. Nach Kakao, Gebäck und dem Singen von Weihnachtsliedern, wurde die Türe zum „Weihnachtszimmer“ geöffnet. Aufgebaut Geschenke mit Nummern versehen. Schwester Felicitas nahm mich bei der Hand und ich durfte in einem großen silbernen Topf zwei Zettel ziehen. Ich zog die Nummer 11 und 13 (bis heute meine Glückszahlen)! Schon beim Eintreten in das wunderschön dekorierte Weihnachtszimmer, sah ich dieses kleine Schränkchen mit den Schubladen. Mein Herz klopfte wie verrückt. Nummer 11 war ein kleiner Koffer, in dem Puppenkleider waren. Als begeisterte Puppenmutter war die Freude groß. Und dann sah ich die Zahl auf dem Schränkchen, die Zahl 13, genau die auf meinem zweiten Zettel stand. Mein größter Wunsch, ein Schrank mit Schubladen für meine ausgeschnittenen Buchstaben, hat sich erfüllt. Ich schwebte geradezu zurück auf meinen Platz, hielt meinen erfüllten Wunsch in den Händen und war dankbar und glücklich. Dieses Schränkchen hat mich durch mein Leben begleitet. Es steht immer in Sichtweite des Platzes, an dem ich meine Freunde die Buchstaben zusammensetze, bis sie zwischen zwei Buchdeckel kommen.

Die Frage, wie lässt sich glücklich sein beschreiben, ist schnell beantwortet. Gar nicht!

Glücklich sein ist in uns, wir fühlen es, tief in unserer Seele.

Weihnachten, als ich 8 Jahre alt war, spürte ich in mir, durch die überraschente Erfüllung eines Wunsches in einer schweren Zeit, pures Glück. Zeitgleich begriff ich unbewusst die Aussage meiner Mutter: Gott hat den Lebensrucksack gepackt, er hilft ihn auch tragen, wenn er zu schwer wird!

Weihnachten 2022 wünsche ich uns allen die Kraft, daran zu glauben, dass wir Hilfe bekommen, bei dem Tragen unseres derzeitigen, gesellschaftlich schweren Lebensrucksackes.

Aus ganzem Herzen frohes Fest wünscht

Renate Hartwig

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